Abb.1a

Abb.1b

Abb.1c

Abb.1d

Abb.2a

Abb.2b

Abb.2d

Abb.2c

Abb.3a

Abb.3b

Abb.4a

Abb.4b

Abb.4c

Abb.5a

Abb.5b

Abb.6a

Abb.6b

Abb.7a

Abb.7b

Abb.8a

Abb.8b

Abb.9

Abb.10b

Abb.10c

Abb.10a

Abb.11a

Abb.11b

Abb.12a

Abb.12b

Abb.12c

Abb.13a

Abb.13b

Die Geschichte der Bergischen Uhr

von Friedrich Brass und Oliver König

Die Geschichte der Bergischen Uhrmacherei beginnt Anfang des 18. Jahrhunderts, die älteste erwähnte Bergische Uhr ist eine von Wilhelm Herder hergestellte, 1708 datierte Uhr, wahrscheinlich eine quadratische Rahmenuhr. Dieses Exemplar ist allerdings bis heute verschollen, so dass die früheste dokumentierte zugängliche bergische Uhr die quadratische Rahmenuhr von 1715 vom selben Uhrmacher, nämlich Wilhelm Herder, ist. Diese in Abb. 1a-d dargestellte, signierte und (1715) datierte Uhr war lange Zeit im Uhrenmuseum Abeler in Wuppertal zu besichtigen.







Schwieriger als die Frage nach der Datierung der ersten Bergischen Uhr ist die Klärung der Herkunft der Bergischen Uhrmacherkunst, da hierzu keine urkundlichen Nachrichten vorliegen. Die beiden Autoren, die sich bisher ausführlich mit dieser Problematik beschäftigt haben, sind Jürgen Abeler, 1968 mit der 1. Auflage von "Alt-Bergische Uhren", 1976 mit einer 2. erweiterten Auflage und Helmut Krieg, dessen Hauptwerk das 1994 veröffentlichte Buch "Uhrmacher im Bergischen Land" darstellt.

Beide spekulieren in ihren Beiträgen über die Herkunft der Bergischen Uhrmacherei, wobei Krieg einen Gedanken von Abeler aufgegriffen hat und diesen zum Zentrum seiner Ausführungen machte. Helmut Krieg leitet die Entstehung der ersten Bergischen Uhr von einer 1700 datierten Rahmenuhr von Johann Jakob Vogel aus Köln ab (Abb. 2). Diese Uhr befindet sich im Bestand des Kölner Stadtmuseums ist hochrechteckig gebaut, besitzt Spindelhemmung und Vorderpendel (sogenannter Zappler), Zinnziffernring, Schlag auf zwei auf dem Kopf gelagerte Glocken und ist auf der Regulierscheibe für das Pendel signiert: I (für Johann) Jacob Vogell in Cöln = 1700.







Helmut Krieg sah in dieser Rahmenuhr soviel Ähnlichkeit mit den Rahmenuhren Wilhelm Herders, dass er sich festlegte, dass Herder bei Vogel in der Lehre gewesen sein muss, und dass die Bergische Uhrmacherei ihre entscheidende Prägung von diesem Uhrmacher (Vogel) erfuhr. Dabei musste er zwangsläufig auf die bekannte erste Rahmenuhr von Wilhelm Herder zurückgreifen, da ihm, wie auch uns, die erwähnte Uhr von 1708 nicht zur Verfügung gestanden hatte.

Vergleichen wir die Vogel'sche Rahmenuhr mit der Rahmenuhr von Wilhelm Herder: Zunächst unterscheidet sich der Grundriss beider Uhren, der Rahmen bei Vogel ist hochrechteckig gearbeitet, die Uhr von Herder ist im Grundriss quadratisch.

Entscheidende Unterschiede manifestieren sich in der technischen Ausführung. Während die Platinen bei dem Stangenwerk von Vogel verstiftet sind, sind diese bei dem Uhrwerk von Herder, wie das für Bergische Stangenwerke charakteristisch ist, mit eisernen Plättchen verkeilt. Des weiteren besitzt das Uhrwerk der Kölner Uhr eine Schlossscheibe zum Abzählen der Schläge für die vollen Stunden, das Schlagwerk bei der Rahmenuhr von Herder hat den ebenfalls für bergische Stangenwerke typischen innenverzahnten sensenförmigen Rechen. Zwar existieren auch frühe Bergische Uhren mit Schlossscheibe, z. B. von Johann Friedrich Bick, jedoch hat die hier als Vergleichsstück herangezogene Uhr ein völlig anders konzipiertes Schlagwerk. Uns ist auch keine Rahmenuhr von Wilhelm Herder bekannt, die eine Schlossscheibe besitzt. Zusätzlich ist das Uhrwerk von Herder sorgfältiger bzw. aufwendiger ausgeführt worden. Statt vier Platinen benutzt er, wie bei fast allen bergischen Stangenwerken üblich, sechs Platinen. Durch die geringere Anzahl Platinen erklärt sich auch die deutliche Asymmetrie bei der Stellung der Aufzugvierkante bei der Rahmenuhr von Vogel.

Auch ist die Werkanordnung eine andere, eine umgekehrte zu allen bergischen Uhren: Das Schlagwerk befindet sich von vorne her gesehen bei der Rahmenuhr von Vogel rechts, das Gehwerk links.

Wir sind deshalb der Meinung, dass die These, die bergische Uhrmacherkunst hätte ihren Ursprung in Köln gehabt, auf keinen Fall mehr haltbar ist.

Jürgen Abeler stellte als eine These in den Raum, dass die bergische Uhrmacherei von den großen Uhrmacherzentren stark beeinflusst wurde, speziell von den süddeutschen und englischen Uhrmachern. Hinzukommen, auch das erwähnt Abeler, regionale Einflüsse und evtl. auch Anregungen aus Holland. Süddeutsche Einflüsse offenbaren sich vor allem im Pendel bei vielen frühen bergischen Rahmenuhren, das als sog. Vorderzappler, d. h. als Kurzpendel vor dem Zifferblatt laufend, ausgeführt wurde. Das Vorbild der englischen Uhren spiegelt sich stark in den vier Eckappliken, auch Spandrels genannt, aus dem englischen entlehnt, wider. Die Motive dieser Spandrels stammen nachweislich aus England, die bei den frühesten quadratischen Rahmenuhren vorkommenden (zwei) Cherubine (Putten), die eine Krone hochhalten, gibt es bei englischen Uhren seit etwa 1650. Die geflügelten Engelköpfe, die ab etwa 1750 bei bergischen Uhren zu sehen sind, tauchen bereits ab etwa 1700 in England auf. Hier zeigt sich im übrigen schon eine deutliche zeitliche Verschiebung der aktuellen "Moden".

Eine holländische Prägung auf die bergische Uhrmacherei ist, wenn überhaupt, nur an einigen Gehäusen fest zu machen. Vor allem bei dem innovativsten und weit gereisten Uhrmacher Johann Wilhelm Winkel (Elberfeld) findet man an etlichen Gehäusen einen holländischen Einfluss.

Die bergische Uhrmacherkunst ist höchstwahrscheinlich das Ergebnis sowohl der oben genannten Einflüsse aus den großen Uhrmacherzentren, als auch verschiedener regionaler Prägungen und wurde selbstverständlich auch durch die rheinische und Kölner Uhrmacherei befruchtet. Aus diesen unterschiedlichen Einflüssen ergab sich eine eigenständige Uhrenherstellung, die sich sowohl in den Uhrwerken als auch in den Gehäusen äußert.

Dieser Kenntnisstand ist nach wie vor etwas unbefriedigend. Obwohl seit nun fast 40 Jahren (seit mindestens 1968) mehr oder weniger intensiv geforscht wird, fehlen nach wie vor wichtige Bindeglieder zur entgültigen Klärung dieses Sachverhaltes. Deshalb möchten wir an dieser Stelle schon einmal darauf hinweisen, das wir uns sehr freuen würden, wenn Besitzer solch früher bergische Uhren mit uns Kontakt aufnehmen würden.

Nach Abeler (Abeler, Alt-Bergische Uhren, 1968, S. 36) " ist Solingen eindeutig als Keimzelle der bergischen Uhrmacherei zu betrachten." Mit Abstand die meisten frühen quadratischen Rahmenuhren stammen aus dieser Stadt. Abeler geht weiter davon aus, dass Johann Friedrich Bick die Uhrmacherkunst von Solingen nach Wuppertal brachte. Dieser Uhrmacher stellte zahlreiche frühe Rahmenuhren her, die ältest datierte bekannte stammt von 1726 (von ihm stammt auch der in einem gesonderten Bericht veröffentlichte Uhrenkopf aus Kirschbaum, siehe dort). Johann Friedrich Bick zog 1738 von Solingen nach Elberfeld (heutiger Stadtteil von Wuppertal) und setzte dort seine Tätigkeit als Uhrmacher erfolgreich fort. So stammen selbstverständlich die ersten in Wuppertal hergestellten bergischen Uhren von ihm.

Der Grundriss der Rahmenuhren ist immer quadratisch, daher auch die engere Bezeichnung "quadratische Rahmenuhr". Die Gehäuse sind meist aus Eiche oder Kirschbaum gearbeitet, teilweise wurden auch andere Obsthölzer verwendet, oder die Oberfläche ebonisiert. Die meisten Rahmenuhren besitzen außen als Verzierung eine Flamm- oder Wellenleiste, die sich teilweise im Türrahmen wiederfindet (vergl. Abb. 1a). Diese Wellenleiste trifft man in dieser Zeit auch außerhalb des Bergischen Landes als Stilelement bei Möbeln und Uhren an. Zum Teil verzichteten die Schreiner auch auf diese Art der Verzierung, so dass der Rahmen lediglich profiliert gearbeitet wurde, z.B. bei der Rahmenuhr von Johann Friedrich Bick von 1734 (Abb. 3).







Der Türausschnitt gab wiederum eine quadratische Fläche preis, auf welcher das Zifferblatt und die vier Eckappliken, meist auf einen eisernen Schild, der am Uhrwerk befestigt wurde, montiert sind.
Die Zifferblätter wurden dabei immer als Ziffernringe aus Zinn ausgeführt, dabei kommen 2 Varianten vor: der gravierte und der gemalte Ziffernring. Neben der Ausweisung der Stunden, immer als römische Zahlen wurde eine Minuterie mit Zahlen in 5-minütigem Abstand aufgebracht bzw. graviert, wobei die Zahlen groß erscheinen mussten, manchmal auch in einer anderen Farbe erschienen (z.B. bei dem Trapezkopf von Johann Peter Peddinghaus von 1766, Abb. 4, siehe eigener Bericht, Stundenzahlen in schwarz, Minuterie in rot). Der im Ziffernring freibleibende kreisrunde Ausschnitt wurde bei etlichen Rahmenuhren mit einem Mittelteil im gleichen Material, wie die vier Spandrels, übrigens zu dieser Zeit immer aus Zinn (Bronze wurde bei Bergischen Uhren noch nicht verwendet), verziert. Hier kommen zwei Motive vor: 1. Zwei Füllhörner mit floralen Ornamenten umgeben und 2. ein doppelköpfiger Adler mit Schwertern, zwischen den Köpfen eine Krone und umlaufend ein Lorbeerkranz.
Die Zeiger sind fast immer sehr aufwendig gearbeitet, meist aus Eisen, teilweise auch aus Messing. Es kommen auch Uhren mit einem Zeiger (Stundenzeiger) vor (Abb. 3).








Man unterscheidet drei verschiedene Uhrwerke bei den quadratischen Rahmenuhren, wobei es sich immer um sogenannte Stangenwerke handelt:

1. Stangenwerk, Gehwerk und Schlagwerk nebeneinander gelagert, Spindelhemmung und Vorderzappler,
    Ausführung sowohl als 36-Stunden- als auch als 8-Tage-Werk, dies ist der frühere Werktypus
    (vergl. Abb. 1a-d)
2. Stangenwerk, Gehwerk und Schlagwerk nebeneinander angeordnet, Ankerhemmung und Langpendel,
    Gangdauer ebenfalls 36 Stunden oder 8 Tage, dies ist der spätere Werktypus

Hierzu ist noch zu bemerken, dass sich der Werkaufbau kaum verändert hat, lediglich die Hemmung wurde verändert bzw. verbessert, teilweise wurden die Uhrwerke auch von Spindelhemmung auf Ankerhemmung umgebaut.

3. Stangenwerk, Gehwerk und Schlagwerk hintereinander angeordnet, immer mit Kettenzug und
    ausschließlich als 36-Stunden-Werk ausgeführt, dieser Typus wurde nur bis etwa 1735-1740 gebaut.

Das Schlagwerk ist bei Typus 1 und 2 immer als Rechenschlagwerk mit sensenförmigem innenverzahntem Rechen gefertigt. Bei dem Uhrwerk mit hintereinander liegenden Werken (Typus 3) kommt sowohl das Rechenschlagwerk als auch das Schlagwerk mit Schlossscheibe vor.

Bei der Spindelhemmung mit Vorderzappler ist das Pendel zumeist starr mit der Spindelwelle verbunden. Kurioserweise war Herder zunächst auf der richtigen Fährte, als er eine Fadenaufhängung (mit Regulierscheibe) für das Pendel benutzte, denn die starre Pendelbefestigung geht eindeutig zu Lasten der Ganggenauigkeit. Warum Herder nach kurzer Zeit zu dieser Pendelaufhängung zurückkehrte und damit einen Rückschritt vollzog, fragte sich bereits Jürgen Abeler (1968). Die Aufhängung des Pendels an einem Faden benutzten auch andere bergische Uhrmacher, wie z.B. Johann Friedrich Bick (siehe Abb. 3). Als einzige Komplikation, das heißt Sonderfunktion, kommt bei einigen Rahmenuhrwerken eine Weckvorrichtung vor.

Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts kommt es zu einer einschneidenden Änderung des bergischen Uhrenkopfes. Von England ausgehend, setzte sich in Europa der Arkus, das heißt ein zusätzlicher Bogen über dem bisher quadratischen oder auch rechteckigen Ziffernschild durch. In England bereits ab 1715/1720 üblich brachte dies zusätzlichen Platz und damit zahlreiche Möglichkeiten bei der Gestaltung "des Gesichts": Neben weiteren Verzierungen, z. B. in Form von Eckappliken, gab es nun zusätzlichen Raum für Signaturen aber auch für jegliche Komplikationen, wie Mondphasenanzeige, Datumsanzeige, Schlagabstellung etc.. Damit änderte sich natürlich auch die Ausformung des Uhrenkopfes.

In den 50er-Jahren des 18. Jahrhunderts kristallisierten sich zunächst zwei Kopfformen heraus, wobei neben diesen auch einige Uhrenköpfe hergestellt wurden, die den Übergang von der quadratischen Rahmenuhr zum (1.)Trapezkopf bzw. den (2.) Köpfen mit geschwungenem Gesims dokumentieren. Einer dieser Uhrenköpfe von Johann Friedrich Bick (siehe Abb. 5), der diesen Übergang besonders gut widerspiegelt, ist eines unserer Spezialthemen (siehe dieser Bericht).







Ab etwa 1750-1760 wurden fast ausschließlich sog. Trapezköpfe hergestellt. Der nun hochrechteckige Uhrenkopf hat (vergl. Abb. 4, der Uhrenkopf wurde ausführlich in der Weltkunst, 73. Jahrgang, Nr. 11, vorgestellt, siehe separater Bericht auf unserer Seite), dem Arkus folgend, ein trapezförmiges, vorkragendes, oft profiliertes und meist verkröpftes Gesims. Diese Verkröpfung der Leisten bleibt bis zum Schluss der bergischen Uhrenherstellung ein entscheidendes Merkmal der bergischen Uhren. Die Seitenkanten des Kopfes sind damit meist als Lisenen, d. h. als abgeschrägte Seitenkanten gearbeitet. Diese sind dann oft zusätzlich, meist durch Säulen, verziert. Nach wie vor verwendeten die Gehäuseschreiner vorzugsweise Eiche, Nussbaum, Kirschbaum oder Nussbaumfurnier (dann meist auf Eiche furniert). Ein besonders beliebtes Modell des Trapezkopfes war ein markettierter Uhrenkopf, der neben Band- und Fadenintarsien (Bick !) oft florale Marketterie, vor allem über dem Arkus unter dem Gesims, aber auch auf den Seiten zeigte (siehe Abb. 6, Uhrenkopf von Johann Gottfried Herder, datiert 1786). Diese Uhrenköpfe fertigt beispielsweise der oben erwähnte Herder bis in die späten 80er Jahre des 18. Jahrhunderts, sowohl mit Zinnziffernring als auch mit Fayence- und Emaille-Zifferblättern. Diese sind übrigens original und nicht, wie z. B. Krieg vermutet, sekundär. Die anschließend entstandenen Trapezköpfe, vor allem die des 19. Jahrhunderts, sind ausschließlich retrospektiv und fallen qualitativ deutlich schwächer aus (vergleiche den Trapezkopf von Johann Caspar Schmidt, Krieg, S. 241).








Die wenigen Uhrenköpfe, die bereits ein geschwungenes Gesims aufwiesen, waren den innovativen städtischen Uhrmachern, vor allem dem wohl angesehensten Bergischen Uhrmacher, nämlich Johann Wilhelm Winkel (Elberfeld) vorbehalten. Zwei Uhrenköpfe mit relativ flach geschwungenem Gesimsen, jeweils ohne Schlussstein, der eine von 1752, der andere von 1755, sind in Krieg, S. 289 abgebildet. Der Uhrenkopf von 1755 ist aus Eiche gearbeitet, das flache Rundbogengesims ohne Schlussstein ist profiliert, vorkragend und verkröpft gefertigt, auf den Lisenen finden sich korkenzieherartige Säulen.

Einen recht ähnlichen Uhrenkopf stellte Johann Caspar Ellinghaus (Mödinghoff, bei Schwelm) 1767 her, bei ihm fallen die Basen und Kapitelle, welche die korkenzieherartigen Säulen auf den Lisenen eingrenzen, wesentlich kürzer aus.

Überhaupt ändern sich die Uhrenköpfe in den 60er-Jahren des 18.Jahrhunderts kaum. Auch hier sticht der Uhrmacher Winkel hervor. Während nach wie vor der Trapezkopf in Mode ist, lässt Winkel für seine Uhrwerke bereits Standuhrgehäuse mit Haubenabschluß des Kopfes schreinern: 1766 als markettiertes Nussbaum-Gehäuse mit Mondphase, Mondalter, Datum und Zentralsekunde, bereits mit Emaille-Zifferblatt, 1768 in Eiche, ebenfalls mit Mondphase. Diese beiden Standuhren dürften gleichzeitig die ersten Bergischen Uhren mit Mondphasenanzeige sein. Uhren mit Haubenabschluss des Kopfes existieren im übrigen nur als Standuhren, nie als Uhrenköpfe. Die Vorbilder für Winkel für diesen Uhrentyp stammten wieder aus England, von wo aus zahlreiche Innovationen und "Moden" in der Uhrenherstellung kamen. Dies gilt auch für ähnliche Gehäuse-Typen, die Winkel unter anderem 1758 in Eiche und 1760 in markettiertem Nussbaum herstellte.

Ab ca. 1770 kommen vorwiegend folgende Gesimstypen vor:

1. Das oben erwähnte Trapezgesims
2. Der Haubenabschluß
3. Das barock-geschwungene Gesims meist mit Schlussstein
4. Das barock-geschwungen Gesims mit Schnitzarbeiten, die von märkischen Schreinern stammen

Die schon erörterten Trapezgesimse (1.) gibt es nach 1790 nur noch vereinzelt.

Der Haubenabschluß (2.) wurde vorwiegend von den städtischen Uhrmachern aus Wuppertal und Solingen verwendet. Er zeugt vom englischen Vorbild, welches in der Standuhr von Johann Abraham Eck von 1785 mit Mondphase, Datum und Zentralsekunde, gipfelt (siehe Krieg, S. 81).

Ab 1770 schon vereinzelt hergestellt wiesen ab etwa 1785 die meisten gefertigten Uhrenköpfe ein barock-geschwungenes Gesims meist mit, teilweise auch ohne Schlussstein (3.), auf.
Der Schwung der Gesimse wurde zum Teil deutlich höher gezogen, es gab verschiedene Varianten eines 2-fach geschwungenen Gesimses (z. B. bei Hasenclever, Lange). Zunehmend gewannen die fein und sorgfältig geschnitzten Schlusssteine an Bedeutung. Neben den klassischen barocken Elementen, wie z. B. balusterförmige Halbsäulen oder Kassettierung des Kastens, wurden immer öfter klassizistische Elemente, vor allem die des Louis-XVI-Stiles, verwendet: Perlstab und Eierstab, Zahn- und Blattfriese, vor allem an den Gesimsen, Schleppen, Quaste, die typischen Schleifen, etc..

Zu den Uhrenköpfen korrespondierten, zumindest bei den Standuhren der renommierten bergischen Uhrmacher, die Unterkästen. Beispiele reiner Louis-XVI-Standuhren sind viele Uhren von Andreas Lange (Elberfeld). Abb. 7 zeigt eine im Louis-XVI-Stil beschnitzte Standuhr von Andreas Becker (Werden bzw. Hardenberg): Neben den reichhaltigen Schnitzereien fällt vor allem die aufwändige Durchbruch-Arbeit im Übergangsbereich Kopf-Unterkasten auf. Neben der Buchstabenfolge, wahrscheinlich eine Monogrammierung, ist das Gehäuse hier datiert (1787).









Deutlich seltener fand der Stil des Rokoko Verwendung. Man findet Rocaillen in den Türfüllungen, Bick z. B. benutzte eine asymmetrische (Rokoko-) Kartusche bei einigen seiner Uhrenköpfe.
Reine Empire-Uhren kommen vor, sind aber ebenfalls selten.

Zu den barock-geschwungenen Gesimsen mit "märkischen Schnitzarbeiten" (4.) existiert ein hervorragender Bericht von Manfred vom Brocke, der im Rahmen der Ausstellung "Bergische Uhren" auf Schloß Homburg 1990 erschienen ist. Da der besagte Katlog schon lange vergriffen ist, bemühen wir uns um die Erlaubnis, diesen Bericht auf dieser Homepage zur Verfügung zu stellen.
Nur soviel sei an dieser Stelle zu diesem Thema erwähnt: Das Märkische befand sich im östlichen Grenzgebiet des Bergischen Landes. Hier entfaltete sich eine eigene Kunst der Gestaltung Bergischer Uhrenköpfe, die in den Gesimsschnitzereien ihre Ausprägung fand.

Ab ca. 1810 kommt noch ein neuer Gehäuse-Typ auf. Den Stil bezeichnet man als "abgewandelten Zopfstil" oder man bezeichnet den Uhrenkopf auch als "Solinger Kopf". "Zopfstil" war ursprünglich die etwas ungelenke und etwas verspottende Übersetzung des Louis-XVI-Stils, der von Frankreich ausgehend, bei uns im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts Fuß fasste.
Das Gesims bleibt barock geschwungen und verkröpft, die fein gearbeiteten Schlusssteine zeigen oft Blüten, Trauben, Schleppen etc., überhaupt lehnen sich, daher ja auch die Bezeichnung "abgewandelter Zopfstil", die Silelemente stark an das Louis-XVI an. Ein Zahnfries ist fast obligatorisch, zum Teil findet man auch Blattfriese, meist dem Gesims folgend (vergleiche Abb. 8: Uhrenkopf von Peter Stark). Die Lisenen zeigen fast ausschließlich 2 Varianten:

1. Oben eine Schleppe, Zopf bzw. Quast, unten ein Akanthus-Blatt (Abb. 8 (P. Stark))
2. Halbsäulen (Abb. 9: Uhrenkopf Johann Wilhelm Kronenberg zugeschrieben)

Innerhalb der beiden Modelle existieren im Detail einige Varianten (,die an anderer Stelle besprochen werden sollen).







Die Uhren wurden überwiegend aus Kirschbaum gearbeitet. Als weitere Möglichkeit der Gestaltung wählten die Schreiner Schwarz-Weiß-Intarsien, die sie am Uhrenkopf um die Tür herum anordneten. Neben dem Arkus sind hier zum Teil Rosetten, ebenfalls schwarz-weiß, eingelegt. Alternativ findet man diese Rosetten an der gleichen Stelle als geschnitzte und aufgesetzte Zierteile.
Ein dazu passender Unterkasten weist die gleiche Art der Intarsien, meist in der Tür und im Sockel, auf. Weitere Möglichkeiten der Verfeinerung sind zusätzliche Bandintarsien oder eingelegte Sterne. Ein Beispiel dieser aufwändigen Standuhren zeigt Abb. 10 (exzeptionelle Standuhr im abgewandelten Zopfstil von Johann Daniel Herder).







Für die Herstellung solcher Standuhren oder Uhrenköpfe war der Gehäuse-Schreiner Carl Machenbach aus Solingen bekannt. Er ist im übrigen der einzige bekannte Schreiner für bergische Uhren aus diesem Raum. Ein zweiter renommierter Schreiner für bergische Uhren, aber auch für Möbel, Wandvertäfelungen etc., das sei hier erwähnt, war Johann Peter Holthaus, der allerdings im Märkischen, also am östlichen Rand des Bergischen Landes, arbeitete.

Aus der Werkstatt Machenbachs kamen nachweislich etliche Uhrenköpfe dieses Typus. Den Begriff "Solinger Kopf" sollte man allerdings nicht zu eng fassen. Mit dem hier kurz vorgestellten Uhrenkopf von Peter Stark / Lützenkirchen (heutiger Stadtteil von Leverkusen) ist schon klar, dass auch benachbarte Uhrmacher diese Köpfe bauen ließen. Viel weiter entfernt von Solingen saß die Uhrmacherfamilie Färber in Seelscheid im südlichen Bergischen Land. Auch sie verkauften Uhrenköpfe dieses Typs. Wahrscheinlich ist die Idee zu diesem Bautyp von Solingen ausgegangen, andere Uhrmacher aus benachbarten aber auch entfernteren Regionen nahmen diese Idee auf.
Uhren in dieser Bauweise wurden bis in die 40er-Jahre des 19. Jahrhunderts hergestellt.

Zwischen 1830 und 1840 setzt bei einigen Uhrmachern der Trend ein, ihre Uhren in vereinfachter Version herzustellen. Die Gesimse werden schlichter, die Schlusssteine werden zum Teil nur noch angedeutet oder ganz weggelassen (z.B. Bion, Färber). Es werden immer öfter Unterkästen verwendet, die einen deutlichen Biedermeier-Einfluß tragen. Die Schreiner verzichteten weitestgehend auf Verzierungen bzw. Beschnitzungen, oft sind die Tür- und die Unterkastenfüllung gestürzt gearbeitet.
Die Vereinfachung der Gehäuse mündet darin, vom traditionellen "Gesicht" der bergischen Uhr, nämlich Zifferblatt mit (4) Eckspandrels plus Arkus abzurücken und die (Kopf-) Tür in runder Form herzustellen, das heißt auf die Spandrels komplett zu verzichten.

Daneben existieren reine Biedermeier-Uhren, wie z.B. die Standuhr von Johann Peter Wellershaus junior (Abb. 11 a). Die unsignierte Standuhr lässt sich eindeutig über das Uhrwerk (siehe Abb. 11 b) dem Uhrmacher zuordnen. Bemerkenswert ist hier das "moderne" Gehäuse in Kombination mit dem traditionellen aufwendig gearbeiteten Stangenwerk. Ein weiteres Modell einer typischen Biedermeier-Uhr, wenn auch ein sehr eigenwilliges, stellt der sogenannte Eulenkopf dar (siehe Krieg, S. 281).

An dieser Stelle bleibt noch der Hinweis, dass es hinsichtlich der Uhrengehäuse Sondermodelle gibt, die einen deutlichen süddeutschen Einfluss zeigen. Ein Beispiel hierfür ist die bemalte Standuhr mit Mondphase, Datum und Zentralsekunde von Johann Wilhelm Winkel (siehe Krieg, S. 296/297).
Ähnliche Aspekte gelten auch für andere deutsche Regionen. Uns ist z.B. eine Standuhr im Eichengehäuse mit stark westfälischer Prägung bekannt, in der Uhrwerk und "Gesicht" inklusive Signaturmarke (aus Zinn) von Gerhards in Mettmann (original) verwendet wurden.
Entweder wurde hier auf Kundenwunsch Uhren vom Uhrmacher hergestellt, oder, auch das ist bei der Produktivität der genannten Uhrmacher möglich, die Uhrwerke wurden inklusive Ziffernschild, Zifferblatt, Spandrels etc. von einem Verkäufer, Schreiner oder einer anderen Person aus der Region speziell geordert und in das jeweilige Gehäuse eingebaut.







Bei den Uhrwerken wurde bisher nur die Zeit bis etwa 1750 besprochen. Üblich war, wie erwähnt, das sogenannte bergische Stangenwerk (Abb. 11 b). Sechs als Bänder gearbeitete Platinen, Gehwerk mit Ankerhemmung, Schlagwerk mit innenverzahntem sensenförmigen Rechen, meist außenliegender Windfang, als 8-Tage-Werke konzipiert (die Gangdauer weicht bei vielen Uhren wegen der Aufhänghöhe oder der Höhe des Unterkastens ab). Dieser Bautyp blieb bis zum Ende der bergischen Uhrenherstellung (siehe unten) erhalten.

Wiederum war es wohl Johann Wilhelm Winkel, der das erste Platinenwerk in eine bergische Uhr einbaute, in den 50er Jahren des 18. Jahrhunderts stellte er mehrere Uhren mit Messingplatinenwerken her. Zunehmend bauten auch andere bergische Uhrmacher Platinenwerke, wobei weitaus häufiger als Messingplatinenwerke Eisenplatinenwerke ausgeführt wurden. Alle drei Werktypen, Stangenwerk, Messingplatinenwerk und Eisenplatinenwerk wurden bis zum Ende der bergischen Uhrmacherei gefertigt. Ein Beispiel eines eisernen Platinenwerkes zeigt Abb. 12 (Uhrwerk von Johann Martin Peddinghaus).







Ab 1755/1760 begannen die Uhrmacher, immer öfter die Uhren mit (neben dem Wecker) sogenannten "Komplikationen", das heißt Sonderfunktionen auszurüsten. Diese waren allerdings den innovativen städtischen Uhrmachern in Solingen und Wuppertal, sowie den kreativen Uhrmachern im märkischen Grenzgebiet (Uhrmacherdynastie Peddinghaus, Johann Caspar Ellinghaus) vorbehalten. Folgende Komplikationen kommen vor:

1. Mondphasenanzeige, sowohl mit gravierter als auch mit gemalter Mondphasenscheibe,
    oft kombiniert mit:
2. Mondalter
3. Sekundenanzeige, meist, wie bei vielen englischen Uhren "unter der 12", seltener als Zentralsekunde
4. Datum, ebenfalls, wie bei englischen Uhren "über der 6", oder aus der Mitte
5. Carillon, äußerst selten, uns sind drei Uhren, zwei von Johann Wilhelm Bick, eine Johann Wilhelm Winkel
    zugeschriebene, bekannt
6. Scheinpendel: im Arkus bewegt sich ein Putto, Chronos, Stern oder ähnliches im Takt des Pendels,
    meist vor dem Ziffernschild, aber auch (siehe z. B. Wellershaus) hinter der Signaturscheibe aus Glas,
    es ist auf der Ankerwelle befestigt, in dieser Form charakteristisch für bergische Uhren
7. Viertelstundenschlag
8. Schlagabstellung, meist bei Uhren mit Viertelschlag oder Carillon, aber auch bei Uhren mit
    Halbstunden- oder Stundenschlag
9. Automat: Im Arkus drehen sich zu jeder vollen Stunde Reiter, zwei Uhrenköpfe sind bekannt,
    einer davon ist von Johann Martin Peddinghaus signiert; es ist anzunehmen, dass der andere
    Uhrenkopf aus der selben Uhrmacherfamilie (Peddinghaus) stammt (bei diesem Uhrenkopf ist leider
    das Original-Zifferblatt abhanden gekommen, welches wahrscheinlich die Signatur trug)
(10. Wecker)

Mit Abstand die meisten Uhren mit Komplikationen sind zwischen 1760 und 1800 entstanden, deshalb bezeichnet man diesen Zeitraum auch als Blütezeit der bergischen Uhrenherstellung (die Uhren im abgewandelten Zopfstil stellen allerdings sicherlich ein weiteres Highlight dar). Eine Standuhr mit Marketterie von Johann Ludwig Gottschalk aus Barmen mit den Komplikationen Mondphase (Scheibe graviert und bemalt), Mondalter und Datumsanzeige (aus der Mitte) ist unter Abb. 13 abgebildet.







Es existieren weitere Sonderkonstruktionen bergischer Uhrmacher. Vereinzelt wurden auch Taschenuhren hergestellt. Beispiele sind die in Abeler (S. 78) abgebildete silberne Taschenuhr mit Datumsanzeige und eine uns bekannte Spindeltaschenuhr von Gottlieb Schmitz aus Ronsdorf (Wuppertal). Etliche bergische Uhrmacher stellten auch Turmuhren her. So haben beispielsweise Johann Peter Plätzer und Johann Wilhelm Wellershaus zusammen die Kirchturmuhr von Remlingrade gebaut (siehe Abeler, S. 85). Uns ist eine Turmuhr von Johann Wilhelm Winkel bekannt.
Tischuhren und Stutzuhren: Das wohl spektakulärste und prominenteste Beispiel ist die sogenannte Kunstuhr von Johann Peter Lüttgens, die im Solinger Klingenmuseum ausgestellt ist.
Anton Gottfried Fränken stellte 1839 einen Regulator mit Scherenhemmung her.

Ab spätestens 1850 beginnt der Niedergang der bergischen Uhrenherstellung. Verantwortlich hierfür war in erster Linie die massenhafte Produktion der Schwarzwälder Uhren, die, weitaus günstiger weil primitiver in der Herstellung, die bergischen Uhren rapide verdrängten. Die Versuche, die Uhren einfacher und damit preiswerter zu bauen, blieben somit erfolglos.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es noch einige bergische Uhrmacher, die auch noch Uhren produzierten (z.B. die Uhrmacherfamilie Färber in Seelscheid)), diese konnten allerdings auf keinen Fall mehr alleine von der Herstellung bergischer Uhren leben.